Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Start Presse 2010 Oma im Koma

Oma im Koma

Oma im Koma

Von JOCHEN SCHNEIDER

Bad Arolsen.  Komatrinken ist nicht nur ein Problem unter Jugendlichen. Noch viel dramatischer steigt die Zahl von Krankenhaus-Einweisungen wegen Alkoholmissbrauchs aber bei Senioren an. Allerdings greifen ältere Semester weniger in Gesellschaft zur Flasche, sondern aus Einsamkeit.

Von einem massiven Anstieg bei über 60-Jährigen, die wegen Alkoholmissbrauchs in ein Krankenhaus eingewiesen werden, berichtet  Priv.-Doz. Dr. Martin Ohlmeier, Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses, der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel. Dort werden auch Suchtkranke therapiert.  An den nordhessischen Standorten der Gesundheit Nordhessen, Klinikum Kassel und den Krankenhäusern in Wolfhagen, Hofgeismar, Bad Arolsen und Helmarshausen sind 2007 noch 266 wegen Alkoholmiss-brauch eingelieferte Senioren behandelt worden, 2008 bereits 367 und 2009 erschreckende 452. Die Zahlen haben sich demnach innerhalb kurzer Zeit fast verdoppelt.

Dr. Ohlmeier kann auch Aussagen darüber treffen, warum das Problem bei älteren Menschen so dramatisch wächst. „Übermäßiger Alkoholgenuss kommt häufig in Verbindung mit psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen vor.“ Der Alkohol helfe beim Einschlafen, wirke kurzzeitig stimmungsaufhellend. So rutschen viele zusätzlich in die Alkoholsucht. Weiterer Anlass zum Trinken könne eine zunehmende gesellschaftliche Kälte sein. Auch Altersarmut rufe oft Depressionen hervor. Um sie zu bekämpfen folge in vielen Fällen wie beschrieben der Griff zur Flasche – Hilfe, etwa vom Hausarzt, wird von Betroffenen aus Scham oft nicht in Anspruch genommen.

Dr. Ohlmeier: „Es gibt auch eine zunehmende Tendenz zur Vereinsamung im Alter. Wenn der Partner gestorben ist, sitzen viele ganz alleine zu Hause, es folgen nicht selten Depressionen und damit die Entwicklung einer Sucht.“ Ein Hinweis hierfür sei auch das hohe Selbstmordrisiko vor allem bei älteren, alleinstehenden Männern. Auch der demografische Wandel spiele eine Rolle. Dr. Ohlmeier: „Die Menschen werden immer älter.“

Einen deutlichen Anstieg von Alkoholproblemen bei älteren Herrschaften sieht auch Dr.  Helmut Frömmel, Leiter der Fachklinik des Blauen Kreuzes in Kassel sowie der Suchtabteilung der Vitos-Klinik für Psychiatrie in Merxhausen. Er nennt die Fachklinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld als Beispiel für eine Spezialisierung auf das Alkoholproblem bei Senioren. Beim Blauen Kreuz in Kassel entwöhnen ältere Menschen in den selben Gruppen wie jüngere. „Bei der Nachsorge gibt es aber bei Älteren besondere Bedürfnisse.“ Es gelte, der Vereinsamung entgegen zu wirken, ein funktionierendes soziales Umfeld zu schaffen. Frömmel: „Dafür sind  wir gut aufgestellt.“

Kontakt: Blaues Kreuz Kassel e.V., Landgraf-Karl-Straße 26, Kassel-Wilhelmshöhe, Telefon 0561 /2075588-36.

 

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