Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Start Presse 2012 Senioren greifen immer häufiger zur Flasche

Senioren greifen immer häufiger zur Flasche

Hauptursache ist Vereinsamung im Alter  - Hilfsangebote fehlen

HNA, 15.05.2012, Kassel.

Trinken gegen die Einsamkeit: Alkoholsucht wird zunehmend ein Problem unter Senioren. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Patienten über 65 Jahren, die wegen alkoholbedingten psychischen Störungen behandelt wurden, laut Techniker Krankenkasse um 76 Prozent an.

Auch das Kasseler Blaukreuz-Zentrum und das Diakonische Werk Kassel beobachten den Anstieg und weisen auf unzureichende Hilfe für den Personenkreis hin. Neben der Tatsache, dass die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen insgesamt zunehme, lägen die Ursachen vor allem in der Isolation vieler älterer Menschen, sagt Helmut Frömmel. Der ärztliche Direktor des auf Suchterkrankungen spezialisierten Blaukreuz-Zentrums macht dafür unter anderem den Zerfall der familiären Strukturen verantwortlich. „Mit dem Ruhestand oder dem Tod des Partners geraten viele in eine Krise. Alkohol wirkt da als Antidepressivum und Angstlöser", sagt Frömmel. Nur sei er als Medikament natürlich nicht geeignet, da immer höhere Dosen für den gleichen Effekt nötig seien.

Zwar erhebt das Blaukreuz-Zentrum die Gruppe der über 65-Jährigen nicht gesondert, dennoch sprechen die Patientendaten eine deutliche Sprache: 41 Prozent der 323 im Jahr 2011 ambulant behandelten Personen waren über 50 Jahre.

„Die Gefahr einer Abhängigkeit ist im Alter höher", sagt Suchtberaterin Petra Hammer-Scheuerer vom Diakonischen Werk. Dies liege an einem höheren Fett- und einem niedrigeren Wassergehalt des Körpers. So komme es zu höheren Alkoholkonzentrationen im Blut. Zudem werde der Alkohol langsamer abgebaut, und es bestehe die Gefahr einer Wechselwirkung mit Medikamenten.

Es fehle an einer Vernetzung von Sucht- und Altenhilfe, um dem wachsenden Problem zu begegnen. „Wir haben uns lange Zeit keine Gedanken gemacht." Das ändere sich gerade.

Von Bastian Ludwig