Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Start Presse 2012 Alkoholsucht im Alter

Alkoholsucht im Alter

Wenn Oma an der Flasche hängt - Alkoholsucht im Alter

Extra Tip, am 11/05/2012

Längst mich mehr nur ein Jugendproblem. Immer mehr ältere Menschen greifen zum Alkohol. Foto: Archiv

Von ALEXANDER GÖBERT

Schwalm-Eder. Sie sind einsam, verzweifelt und bekämpfen die innere Leere mit dem regelmäßigen Griff zur Flasche: Immer mehr Senioren sind alkoholsüchtig - das belegen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 ist die Zahl um fast 76 Prozent gestiegen. Da aber betrunkene oder verwirrte Rentner nicht ins Schema  passen, wird die Situation der Betroffenen von der Gesellschaft meist verharmlost oder gänzlich verdrängt. Dabei zeichnen die Zahlen ein besorgniserregendes Bild: Die zunehmende Abhängigkeit bei Senioren zieht sich quer durch alle sozialen Schichten, die Zahl der Rentner, die professionelle Hilfe benötigen, steigt konstant an.

Erster Kontakt mit zwölf

Justus K. (66) spricht langsam und reflektiert: Wenn ihm etwas zu nahegeht, nestelt er an einer Taschentuchpackung und schaut auf seine Hände. Den Alkohol lernte er als Zwölfjähriger kennen. Damals bekam er Weinbrandbohnen geschenkt. „Das war mein erster Kontakt mit Alkohol und ich merkte, das schmeckt mir." Familienfeiern, Geschäftsabschlüsse oder die regelmäßigen Treffen mit den Schulfreunden - die Erinnerungen gleichen sich: Immer standen Flaschen auf dem Tisch, der Alkohol gehörte immer dazu. Von Sucht wollte er nie was wissen.

Vor drei Jahren ist Justus K. in den Vorruhestand gegangen. Über 30 Jahre arbeitete er in einem großen Unternehmen als Vertriebsleiter. „Da habe ich dann richtig mit dem Trinken begonnen", erzählt der Senior und holt tief und rasselnd Luft: „Wenig Tagesstruktur, viel Zeit für die Sucht, und ich bin immer träger geworden", sagt er und hustet. Dann hat ihm seine Frau die Pistole auf die Brust gesetzt. „,Entweder der Alkohol oder ich', hat sie gesagt." K. hat sich für seine Frau und eine Therapie entschieden. „Das war anfänglich nicht leicht. Man redet sich immer ein, dass man gar nicht süchtig sei." Der Weg zurück in die Normalität ist schwer.

Viele heimliche Trinker

Aber wo liegt nun die Grenze zwischen dem Feierabendbierchen und dem klassischen Suchtverhalten? „Wenn man regelmäßig trinkt, um seine Probleme zu betäuben und über den Verlauf des Trinkens keine Kontrolle mehr hat. Wenn der Alkohol das Leben dominiert und man immer bemüht ist, genügend Reserven in Griffweite zu haben", sagt Udo Brunke. Er ist Suchtberater im sozial-psychischen Dienst des Gesundheits­amtes in Homberg. Brunke selbst ist seit 30 Jahren trockener Alkoholiker und weiß wovon er spricht. Und so dramatisch die Zahlen vom Statistischen Bundesamt  klingen, die Dunkelziffer liegt laut Brunke weitaus höher. „Viele ältere Personen erkennen die Misere nicht, in der sie stecken und gehen auch zu keiner Suchtberatung. Die Statistik kann sie so nicht erfassen." Allein im vergangenen Jahr haben Brunke und seine Kollegen, 123 Alkohol­kranke in der Altersgruppe 50 bis 80 Jahre betreut. Über den Alkoholmiss­brauch bei Jugendlichen wird oft unter dem Schlagwort „Komasaufen" diskutiert. Vergessen wird dabei oft, dass suchtartiges Trinken auch ein Altersphänomen ist.
Doch die Erkennung sei nicht immer leicht. „Zum einen verbergen ältere Menschen diese Sucht geschickt aus Scham, zum anderen führen manche Symptome auf die falsche Fährte." Brunke legt jedem ans Herz, der eine Alkoholsucht bei sich vermutet, zu einer Beratungsstelle zu gehen. Die Heilungschancen seien sehr hoch. Besonders bei denjenigen die erst im Alter mit dem Trinken angefangen haben. „Wenn ein Mensch nicht schon seit Jahren zu der Flasche greift, greifen die Therapien gut", macht Brunke Mut. Speziell im Schwalm-Eder-Kreis bieten sich viele Nachsorge-Angebote. Trotzdem liege die Rückfallquote bei etwa 50 Prozent. Justus K. hat den Absprung von der Flasche geschafft. Bei der Therapie hat er gelernt, sein Leben auch ohne den Arbeitsplatz sinnvoll zu gestalten. Jetzt fühlt er sich wieder gebraucht. Dabei ist ihm seine Frau behilflich. „Wir sind ein starkes Team. Vom Alkohol lass ich zukünftig die Finger."