Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Start Themen Autofahren im Alter Aktuelle Presse-Diskussion

Aktuelle Presse-Diskussion

Die drei folgenden Beiträge sind der HNA vom 4. Juli 2014 entnommen:

 

 

 Bus­fahr­kar­te statt Füh­rer­schein?


VON WOLF­GANG RIEK


KASSEL / MÜNCHEN. Se­nio­ren, die sich hin­term Au­to­steu­er im hek­ti­schen Stadt­ver­kehr nicht mehr wohl­füh­len, sol­len in Mün­chen ei­ne kos­ten­lo­se Bus&Bahn-Jah­res­kar­te der Münch­ner Ver­kehrs­ge­sell­schaft be­kom­men. Das for­dern die Grü­nen im Stadt­rat. Ein­zi­ge Be­din­gung: Die Äl­te­ren sol­len im Ge­gen­zug ih­ren Füh­rer­schein ab­ge­ben. Mehr Si­cher­heit im Stra­ßen­ver­kehr für al­le, Hil­fe da­bei, mo­bil zu blei­ben, ein Schritt auch ge­gen Al­ters­ar­mut - so be­grün­den die Grü­nen ih­ren Vor­stoß.

Neu sind sol­che Tausch­ak­tio­nen nicht: Der ba­di­sche Land­kreis Walds­hut et­wa lockt so zu­sam­men mit dem ÖPNV-Ta­rif­ver­bund WTV seit 1998 Se­nio­ren vom Steu­er weg. 60 Män­ner und Frau­en neh­men pro Jahr das An­ge­bot an - frei­wil­lig. In der Re­gel zielt es auf über 60-Jäh­ri­ge.

Be­to­niert ist die­se Al­ters­gren­ze aber nicht - in be­grün­de­ten Ein­zel­fäl­len, Krank­heit oder Be­hin­de­rung geht’s auch frü­her. Man­chen Men­schen kommt die Tausch­ak­ti­on wie ge­ru­fen, heißt es beim WTV. An­de­re neh­men das Frei­ti­cket, das mitt­ler­wei­le so­gar ei­ne zwei­te Per­son und Kin­der ein­schließt, ger­ne mit, ob­wohl sie seit Jah­ren nicht mehr fah­ren. Ei­ne drit­te Grup­pe spricht das Stra­ßen­ver­kehrs­amt ge­zielt an: Leu­te, die durch Schlan­gen­li­ni­en­fah­ren oder Schlim­me­res auf­fal­len.

Jah­res­kar­te für Bus und Bahn ge­gen Füh­rer­schein - un­ter an­de­ren die Städ­te Ulm (ab 63 Jah­ren), Bad Se­ge­berg (ab 64) Lin­gen im Ems­land und Rhei­ne (ab 80) hat­ten oder ha­ben das im Pro­gramm.

Auf ein Jahr be­grenzt

Zur gan­zen Wahr­heit ge­hört na­tür­lich, dass das Tausch­ge­schäft in al­ler Re­gel auf ei­ne ÖPNV-Jah­res­kar­te be­schränkt ist und nicht freie Fahrt bis zum Sankt-Nim­mer­leins­tag-be­deu­tet. Im Fol­ge­jahr müs­sen Se­nio­ren oh­ne Füh­rer­schein dann be­zah­len - meist aber den re­du­zier­ten Äl­te­re-Leu­te-Ta­rif.

Klar ist auch, dass der De­al Fahr­er­laub­nis ge­gen Jah­res­kar­te in Städ­ten mit gu­tem ÖPNV-Netz und dich­ten Takt­zei­ten viel ver­lo­cken­der ist als auf dem fla­chen Land, wenn nur mor­gens, mit­tags und abends mal ein Bus vor­bei­kommt. Groß be­wor­ben wer­de die Ak­ti­on nicht, heißt es in Walds­hut: Bei al­len Vor­tei­len für Ver­kehrs­si­cher­heit und Mo­bi­li­tät äl­te­rer Men­schen müs­sen Kom­mu­nen und Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men Null­ta­rif-An­ge­bo­te auf der Kos­ten­sei­te über­schau­bar hal­ten.

Das geht so: Die bel­gi­sche Stadt Has­selt, die 1997 kos­ten­lo­se Stadt­bus­se für al­le ein­führ­te, mach­te 2013 kehrt. Fahr­gäs­te zwi­schen 19 und 65 zah­len jetzt wie­der. Es geht auch so: Sylt, die Ur­lau­ber­in­sel in der Nord­see, hat 2007 die Hür­de für Füh­rer­schein­tau­scher auch aus fi­nan­zi­el­len Grün­den sehr hoch ge­legt. „Gilt für 90-Jäh­ri­ge und Äl­te­re“, hieß es in der An­fangs­zeit. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den laut Syl­ter Rund­schau die Zü­gel ge­lo­ckert: Das Min­dest­al­ter für Frei­fahr­ten wur­de her­ab­ge­setzt – auf 85. • Jah­res­kar­te statt Füh­rer­schein? Re­gel­mä­ßi­ge Ge­sund­heits­tests für Se­nio­ren am Steu­er? Was mei­nen Sie? Dis­ku­tie­ren Sie mit un­ter

 


 Kommentar: Tests und Tausch

Wolfgang Riek überr Senioren am Steuer

Wer sel­ber Krat­zer oder Beu­len am Au­to sei­ner al­ten El­tern ent­deckt hat oder auf dem Rück­sitz gra­de so an ei­nem Un­fall vor­bei­ge­schrammt ist, kennt das mul­mi­ge Ge­fühl: Wie sag’ ich’s mei­nem Va­ter, dass er den Wa­gen nun lie­ber ab­gibt, statt sich und an­de­re in Le­bens­ge­fahr zu brin­gen? Da geht es um Emo­tio­nen, um Ab­schied von Frei­hei­ten, die ein Le­ben lang ge­zo­ge­ne Krei­se end­gül­tig klein ma­chen.

Den­noch: Die Un­ver­sehrt­heit an­de­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer geht vor. Ab 75, sa­gen die Sta­tis­ti­ken der Un­fall­for­schung, gibt es kein Schön­re­den mehr. Manch­mal frü­her, zu­wei­len spä­ter. Und des­halb sind ver­pflich­ten­de re­gel­mä­ßi­ge Tests der Seh­fä­hig­keit, des Ge­hörs und der Re­ak­ti­ons­fä­hig­keit das Min­des­te. Wenn dann Tausch­an­ge­bo­te Füh­rer­schein ge­gen Jah­res­kar­te da­zu­kom­men – war­um nicht? Hilft nicht über­all, scha­det aber auch nicht.

Pflicht­tests kön­nen die Ein­sicht der Be­trof­fe­nen för­dern und be­sorg­ten Kin­dern ar­gu­men­tie­ren hel­fen. Sie müs­sen im Ex­trem­fall auch ei­nen Füh­rer­schein-Ent­zug be­grün­den kön­nen. Bis die Zahl der über 80-Jäh­ri­gen sich bis in 30 Jah­ren mehr als ver­dop­pelt, soll­ten wir da­mit nicht war­ten.

 


 

Hintergrund

Ver­si­che­rer: Pro­ble­me und De­fi­zi­te nicht tot­schwei­gen  

  Zwi­schen „Ge­sund­heits-TÜV für Se­nio­ren am Steu­er!“und „Ja kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung!“geht die De­bat­te seit Jah­ren hin und her. Spä­tes­tens, wenn wie­der mal ein 80Jäh­ri­ger auf der fal­schen Sei­te der Au­to­bahn un­ter­wegs ist, wird sie neu be­feu­ert. • „Die Hälf­te der im Stra­ßen­ver­kehr ge­tö­te­ten Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer sind über 65 Jah­re“, heißt es bei der Un­fall­for­schung der Ver­si­che­rer (UDV). Der An­teil die­ser Al­ters­klas­se liegt bei gut 20 Pro­zent, steigt wei­ter und soll bis 2060 ein Drit­tel aus­ma­chen. „Schon heu­te wis­sen wir, dass jen­seits des 75. Le­bens­jah­res sta­tis­tisch Zahl und Schwe­re selbst ver­ur­sach­ter Un­fäl­le deut­lich zu­neh­men“, sagt GDV-Un­fall­for­scher Sieg­fried Brock­mann, „vor­her gibt es kein Pro­blem“. • Schlech­te­res Se­hen und Hö­ren, schlech­te­re Be­weg­lich­keit der Hals­wir­bel­säu­le, die Rund­um­bli­cke er­schwert, Ein­schrän­kun­gen durch Me­di­ka­men­te und nach­las­sen­des Tem­po bei der Ver­ar­bei­tung von In­for­ma­tio­nen gel­ten als Ri­si­ken. • Weil sich die Zahl der Au­to fah­ren­den Se­nio­ren bis in zehn Jah­ren ver­dop­pelt ha­ben wird, dür­fe man Pro­ble­me und De­fi­zi­te al­ter Au­to­fah­rer nicht tot­schwei­gen. Und da­mit auch nicht die Kon­se­quenz re­gel­mä­ßi­ger Tests, so Brock­mann. • GDV zum The­ma:

 http://zu.hna.de/al­ti­m­au­to