Mario Wiegel

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Kasseler Tafel

Wo der Hunger Schlange steht: Kasseler Tafel verteilt acht Tonnen Lebensmittel pro Woche an Bedürftige

Leergefegte Regale: Hellmut Weiß, stellvertretender Vorsitzender der Kasseler Tafel, mit Schülerpraktikantin Leonie Dinsch. Fotos: Bräutigam

Kassel. Donnerstagmorgen in der Kasseler Nordstadt. Der Parkplatz vor dem Pennymarkt ist voll, im Minutentakt werden vollgestopfte Einkaufswagen zum Auto geschoben.  Wer sich das nicht leisten kann, steht vor dem grauen  Haus ein paar Meter weiter.  Hier, in der Holländischen Straße 141, warten die Menschen, für die das Geld nicht reicht, um den Kühlschrank voll zu machen.   Für sie ist die Kasseler Tafel die letzte Rettung.

100 bis 130 Kunden täglich

Der Verein sammelt überschüssige Lebensmittel aus Bäckereien, Geschäften und Handelsketten ein, um sie an Bedürftige zu verteilen.  Und der Bedarf ist groß: Zwischen 100 und 130 Menschen kommen pro Tag zur Tafel, durchschnittlich acht Tonnen Lebensmittel werden pro Woche verteilt – darunter  Lebkuchen, die nach Weihnachten aus den Supermarktregalen verschwinden mussten, zu klein geratene Eier, Joghurt, der sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hat.

Auf Obst und Gemüse legen die Mitarbeiter besonderen Wert. Weil Frischware aber knapp ist, stehen derzeit 150 Menschen auf der Warteliste für einen Berechtigungschein.

Kommen kann jeder, der Transferleistungen vom Staat erhält. Dazu gehören Asylbewerber, Sozialhilfeempfänger, Rentner mit Grundsicherung oder Hartz IV-Empfänger. Nur sie erhalten von den Tafel-Mitarbeitern  einen Berechtigungsschein, mit dem sie alle 14 Tage eine Lebensmittelspende entgegen nehmen dürfen. „Nur so wissen wir, wer tatsächlich bedürftig ist“, erzählt Hellmut Weiß, stellvertretender Vorsitzender der Kasseler Tafel.   Aktuell stehen 150 Kunden auf der Warteliste für einen Berechtigungsschein.  „Vielleicht gibt jemand anderes seinen ab“, sagt Hellmut Weiß. Viel Hoffnung hat er nicht: Fast alle Kunden kommen seit Jahren zur Tafel, weil sie keinen Weg heraus aus Arbeitslosigkeit und Armut finden.

“Wieso sollte ich mich schämen?”

So wie Georg. Der 57-jährige Hartz IV-Empfänger kommt seit zweieinhalb Jahren zur Tafel, weil das Geld für seine vierköpfige Familie nicht reicht.  Diesmal hat er Bananen, Kartoffeln, Brötchen und eine Tüte Chips bekommen. „Alles gute Sachen“, sagt Georg und verstaut die Lebensmittel in der großen Reisetasche. Früher hat er als Garten- und Landschaftsbauer gearbeitet, erzählt er, jetzt sind die Knochen kaputt.  Dass er heute zur Tafel geht, macht ihm nichts aus, sagt Georg.  „Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet. Wieso sollte ich mich schämen“.

Über 50, kein Job

Eine Geschichte, die Hellmut Weiß und die insgesamt 120 ehrenamtlichen Mitarbeiter immer wieder hören. Die meisten Kunden sind Hartz IV-Empfänger. Menschen über 50, die keinen Job mehr bekommen oder krank sind und denen das Geld nicht zum Leben reicht. Aber auch immer mehr  Rentner, die auf Grundsicherung angewiesen sind,  sowie alleinerziehende Frauen kommen zur Tafel. Wer hier arbeitet weiß: Heute kann es jeden treffen, sagt Hellmut Weiß.  Trotzdem  falle es vielen Bedürftigen schwer, das erste Mal zur Tafel zu gehen, erzählt Hellmut Weiß. „Diese Hemmschwelle fällt aber mit der Zeit“, sagt der pensionierte Lehrer. Ganz bewusst spricht er von „Kunden“. Niemand soll sich als Bittsteller fühlen. Aus diesem Grund werden die Lebensmittel auch nicht verschenkt, sondern gegen einen symbolischen Beitrag von zwei Euro abgegeben.  „Wir wollen den Menschen nicht das Gefühl geben, dass sie Almosen erhalten“, sagt Hellmut Weiß. Ohnehin sehen sich die 120 ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht als Wohltäter. „In erster Linie geht es darum, Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu bewahren. Dass wir damit Bedürftigen helfen können, ist ein positiver Nebeneffekt“, sagt Hellmut Weiß.

Am Donnerstag reicht die Warteschlange auch um 12 Uhr noch bis zur Tür. Es ist Monatsende, das Konto ist leer. Hellmut Weiß bahnt sich den Weg vorbei an der Menge und begrüßt einen älteren Herrn, der sich mit zwei vollgestopften Tüten auf den Nachhauseweg macht.  900 Tafeln gibt es bundesweit. Eine gute Sache , damit überschüssige Lebensmittel nicht im Müll landen, sagt Hellmut Weiß. Trotzdem würde er sich wünschen, dass es die Tafeln in zehn Jahren nicht mehr braucht.  „Aber dann muss den Menschen anders geholfen werden“.

+++ Kontakt Kasseler Tafel +++

Die Kasseler Tafel finanziert sich ausschließlich durch Spenden.  Wer helfen möchte:
Kontonummer: 200 00 2109
BLZ: 520 503 53
Kasseler Sparkasse

Kasseler Tafel
Holländische Str. 141
34127 Kassel
Tel. 05 61 /2 30 03

Öffnungszeiten: Di. bis Do.  9.30 Uhr bis 12 Uhr sowie Fr. 9.30 bis 12 Uhr  und 14 bis 16.30 Uhr.

Weitere Infos zur Kasseler Tafel unter www.kasselertafel.de