Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Männer altern anders als Frauen

HNA, 22.03.10

Alt werden ist in der Event-Gesellschaft schwieriger geworden, sagt Altersforscher Mario Wiegel im Interview

„Männer altern anders als Frauen“

Ruhestand sieht anders aus, als er in vielen medialen Bildern vermittelt wird. Warum die Zeit nach dem Arbeitsleben meist wenig mit Sonnenliegen am Mittelmeer zu tun hat und warum es heutzutage schwerer ist, alt zu werden, das beantwortet der Kasseler Gerontologe (Altersforscher) Mario Wiegel im Interview.

Was macht es für viele so schwer, sich auf den Ruhestand einzulassen?

Mario Wiegel: Älter werden ist schwerer als früher. Das goldene Rentenzeitalter ist vorbei, und die weiße Flotte an die Costa del Sol gibt es nicht mehr. In der Event-Gesellschaft, in der wir leben, wird uns täglich gezeigt, wie wichtig Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist. Das setzt alte Menschen unter Druck: Sie wissen nicht, was sie tun sollen, vielen fehlt das Geld. Es folgen soziale Verwahrlosung und Sinnkrisen.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Wiegel: Entscheidend ist die Vorbereitung auf diese Lebensphase. Die Jahre sollten aber nicht nur genutzt werden, um Geld zurückzulegen, sondern auch um Sozialkontakte zu knüpfen. Seit Jahren sind die Mitgliederzahlen in den Vereinen rückläufig. Umso wichtiger ist es, viele kleine soziale Netzwerke etwa in der Nachbarschaft zu gründen. In unserer immer weiter alternden Gesellschaft wird es in Zukunft darum gehen, dass ganze Straßenzüge oder Quartiere vor die Tür gehen.

Und Sie glauben, damit haben die alten Menschen Probleme?

Wiegel: Vor allem die Männer haben ihre Schwierigkeiten. Sie altern anders als Frauen. Während sie ihrem Beruf nachgehen, investieren sie oft weniger Energie, ihre sozialen Kontakte zu pflegen. Im Ruhestand wird das zum Problem. Wenn die Frauen nicht hin und wieder sagen würden: Mensch Walter, zieh dir ‘ne Jacke an, wir gehen heute Abend zu den Müllers, bleiben sie oft einfach zuhause sitzen. In den Vorbereitungsseminaren auf den Ruhestand, die ich geleitet habe, äußerten viele Männer rein ich-bezogene Wünsche für ihren Alltag als Rentner: Ich will das Haus umbauen, ich will im Werkkeller tüfteln. Von Freundschaften ist seltener die Rede.

Immer mehr Firmen, auch in der Region, bieten Seminare zur Ruhestandsvorbereitung an. Ist so etwas sinnvoll?

Wiegel: Ich glaube, dass der Abgang damit möglicherweise erleichtert wird. Es zeigt sich aber, dass die Menschen in der Regel die Interessen fortsetzen, die sie schon neben dem Beruf hatten. Kaum jemand engagiert sich sozial, wenn er es vorher nicht schon getan hat. (bal)