Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Interview mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein


"Wir müssen uns sehr bewusst mit Fragen des Alters befassen

Interview mit Bischof Prof. Dr. Martin Hein - acht Jahre nach seinem Synoden-Bericht „Silberne Kirche"

image003.pngblick in die kirche: Keine andere gesellschaftliche Organisation ist in Sachen Alter so kompetent wie die Kirche, sagten Sie in Ihrem Bericht „Silberne Kirche" auf der Herbstsynode 2003. Sind Sie davon nach wie vor überzeugt?

Bischof Martin Hein: Davon bin ich mehr denn je überzeugt. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung ist die Kirche ein ganz wesentlicher Gesprächspartner für andere Gruppen in unserer Gesellschaft. Sie hat ihre Kompetenz über Jahrhunderte erwiesen, indem sie sich mit Altenpflege und Altenarbeit beschäftigt und gerade hier immer einen besonderen Schwerpunkt gesehen hat.

Welche Impulse hat der Bericht gegeben, was wurde auf den Weg gebracht?

Bischof Hein: Zunächst bin ich sehr dankbar, dass aufgrund dieses Berichts eine Neuorientierung in unserem Haus in Bad Orb stattgefunden hat: Es ist ein Bildungszentrum für die zweite Lebenshälfte geworden. Das war ein entscheidender Perspektivenwechsel, der deutlich macht, dass das Altern ein Vorgang ist, der inhaltlich gut begleitet werden kann und gut begleitet werden muss. Dass wir in Bad Orb ein Kompetenzzentrum eingerichtet haben, empfinde ich als wegweisend. Darüber hinaus ist durch meinen Bischofsbericht und den Begriff „Silberne Kirche", der seither häufig zitiert wird, eine verstärkte Aufmerksamkeit im Blick auf verschiedene Stufen des Alters eingetreten.

Kann eine überregionale Einrichtung nicht nur dann richtig wirksam werden, wenn es auch regionale Strukturen gibt?

Bischof Hein: Arbeit mit älteren Menschen geschieht in allererster Linie in den Kirchengemeinden. Da war auch die Altenarbeit früher beheimatet. Wir werden allerdings im Blick auf diese Arbeit deutlicher machen müssen, dass hierfür der Erwerb von besonderen Kenntnissen und Fertigkeiten notwendig ist. Altenarbeit, wie sie traditionell geschah, ist heute so nicht mehr möglich. Das hängt damit zusammen, dass die Grenzen fließend sind, ab wann man sich selbst als wirklich alt empfindet. Deswegen ist die Formulierung „zweite Lebenshälfte" sehr viel passender. Unser Zentrum in Bad Orb dient dazu, Verantwortliche in der Seniorenarbeit ihrerseits mit den notwendigen Kenntnissen und Fertigkeiten auszustatten, damit sie kompetent handeln können.

Im sechsten Altenbericht der Bundesregierung, der letztes Jahr herauskam, heißt es im Kapitel über die „Altersbilder in christlichen Kirchen und Religionen", der Anteil der über 60-jährigen Gemeindemitglieder werde bis 2030 auf etwa 40 Prozent anwachsen. Was bedeutet das für unsere Kirche?

Bischof Hein: Wir haben Anteil an der demografischen Entwicklung. Weniger Menschen werden geboren als sterben, und es leben immer mehr Ältere und Alte in der Kirche. Deswegen müssen wir uns auf die Fragen, Interessen und Bedürfnisse dieser Menschen einstellen, ohne deshalb die Nachwuchsarbeit zu vernachlässigen. Aber mit dem größeren Anteil an älteren Menschen in unseren Kirchen kommen neue Aufgaben auf uns zu. Wie gesagt, Alter ist nicht gleich Alter, und hier muss man sehr differenziert hinschauen. Ich glaube, es geht nur in drei Schritten: wahrnehmen, reflektieren, handeln. In den einzelnen Kirchengemeinden werden wir aufmerksam wahrnehmen, wie sich die Zusammensetzung der Gemeindemitglieder entwickelt. Ich weiß sehr wohl, dass mit einem Schwerpunkt auf die Altenarbeit nicht verbunden sein darf, dass wir uns nur denen zuwenden, die wir „ohnehin bei uns haben". Wir werden weiterhin auf Mitgliedergewinnung und auf Jugendarbeit setzen. Und wir werden gerade in der Kirche den älteren Menschen nicht nur Betreuung, sondern auch ein sinnvolles Betätigungsfeld bieten.

Investiert unsere Landeskirche - auch finanziell - genug in die Arbeit mit Älteren?

Bischof Hein: Diese Frage stellt sich, wie man sich denken kann, in allen Arbeitsgebieten der Kirche. Und wir müssen bei zurückgehender finanzieller Ausstattung Schwerpunkte setzen. Aber wir dürfen gerade angesichts der Entwicklungen in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, uns sehr bewusst mit der Frage des Alters zu befassen. Das ist ein wesentlicher Kernauftrag der Kirchengemeinden. Wir tun das in gleicher Weise auch durch die Einrichtung und Bezuschussung etwa von Senioren- und Pflegeheimen. Auch das ist Altenarbeit in einem weiten Sinne, wo die evangelische Kirche sich ihrer Verantwortung stellt. Es ist unbestreitbar, dass überall mehr getan werden könnte. Aber das geht leider nicht!

Erste Ergebnisse einer Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD haben bestätigt, dass die kirchlich-religiöse Bindung bei den „jungen Alten" abnimmt. Was kann die Kirche Ihrer Meinung nach tun, um diese wachsende Gruppe anzusprechen und ihr Potential einzubeziehen?

Bischof Hein: Eine ganz einfache Antwort darauf lautetet: Nicht erst zu warten, bis diese Menschen in diese Altersgruppe hineinkommen. Es ist falsch zu glauben, dass Menschen prinzipiell im Alter religiöser werden. Wo die Grundlagen nicht in früheren Zeiten gelegt werden, ist auch im Alter nicht damit zu rechnen, dass Menschen sich zur Kirche wenden, nur weil sie „die Grenze des Todes" eher verspüren.

Werden künftige Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrer Ausbildung genügend auf die ganze Problematik der „Silbernen Kirche" vorbereitet?

Bischof Hein: Nicht alle Herausforderungen können wir in der Ausbildung erschöpfend behandeln. Wichtig ist mir vor allem, dass junge Pfarrerinnen und Pfarrer wissen, dass es ein sehr differenziertes Bild alter Menschen gibt, und dass sie schauen, wo gerade die „jungen Alten" ihre Kompetenz, die sie aus anderen Lebensbereichen mitbringen, engagiert in die Gemeindearbeit hineintragen. Ich wünsche mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer als neugierige „Scouts" herausfinden: Welche Menschen mit hoher fachlicher Qualifikation und hoher Motivation kann ich für die Gemeinde gewinnen?

Welche Rolle spielt das bereits vorhandene und sich ständig erweiternde Wissen um diese dritte Lebensphase?

Bischof Hein: Ich will das mal nicht auf die Ausbildung der Theologen begrenzen, sondern die Frage auf die Einstellung unserer Landeskirche im Ganzen erweitern. Ich halte Altersbegrenzungen, etwa bei der Kirchenvorstandswahl und auch bei der Berufung von Prädikanten, für unangemessen. Ich habe mich in dieser Hinsicht ja schon mehrfach für eine Aufhebung eingesetzt. Allmählich müssen in unserer Landeskirche die Zeichen der Zeit beachtet werden.

Vielleicht ist da eben noch ein undifferenziertes Bild von „dem Alter" in den Köpfen.

Bischof Hein: Es gibt die Vorstellung, dass alte Menschen im Kirchenvorstand die Plätze für Jüngere „besetzen" und je mehr Alte da seien, umso weniger Junge kämen. Aber ich will deutlich sagen: „60 plus" bedeutet weder verkalkt noch borniert. Das sind falsche Bilder vom Alter. Irgendwann wird es auch bei älteren Menschen - vielleicht stärker als früher - die Einsicht geben: Ich muss das nicht bis zu meinem Lebensende tun. Und ebenso wird die Altersweisheit um sich greifen, sich nicht mehr zu allem äußern zu müssen, was an der Tagesordnung ist.

Was bedeutet Älterwerden für Sie persönlich?

Bischof Hein: Ich habe einen wunderbaren Leitsatz: „Älterwerden heißt: Die Wirklichkeit nimmt zu, die Möglichkeiten nehmen ab." Das einzusehen ist manchmal schwieriger, als man denkt. Mit einer Wirklichkeitsbegrenzung verbinden sich Krankheiten, Mobilitätseinschränkung und dergleichen. Die Wirklichkeit nimmt zu. Das heißt also: Ich kann nicht mehr alles so wie früher.

Beschäftigen Sie sich mit der Frage: Wie will ich meinen „Ruhestand" gestalten?

Bischof Hein: Im Predigerseminar wird für die letzten Amtsjahre regelhaft eine entsprechende Pfarrerfortbildung angeboten. Das heißt, Pfarrerinnen und Pfarrer überlegen sich etwa zehn Jahre vor ihrem Ruhestand: Wie will ich nach dem Eintritt ins Pensionsalter leben, wo will ich wohnen, welche Hobbys ausüben, welche Schwerpunkte möchte ich setzen? Ganz so weit bin ich jetzt noch nicht, aber das ist bald dran.

Fragen: Cornelia Barth"

(Aus: blick in die kirche, Ausgabe 6/2011, Seiten 6 /7)