Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Interview mit Mario Wiegel


"Es läuft eben nicht von selbst

Das Seniorenreferat des Stadtkirchenkreises Kassel unterstützt die Kirchengemeinden bei der Entwicklung neuer Angebote und Projekte für Menschen in der zweiten Lebenshälfte.
Im Mittelpunkt steht dabei die Förderung nachberuflichen Engagements. blick in die kirche sprach mit dem Leiter des Referats, Mario Wiegel.

image002.pngblick in die kirche: Welche Erfahrungen sind Ihre prägendsten aus der Arbeit in den vergangenen Jahren?

Mario Wiegel: Wichtig ist zunächst, zwischen den „älteren" und den „alten" Menschen zu differenzieren. Viele ältere Menschen haben großes Interesse an Mitarbeit, wenn wir sie schulen, wenn wir ihnen verdeutlichen, dass das, was sie tun, sinnvoll ist, wenn sie mitbestimmen können und sie qualifiziert begleitet werden. So heranzugehen bringt Erfolg. Nur zu sagen „Suche Mitarbeiter - ehrenamtlich" funktioniert nicht. Zudem: Wo Menschen etwas tun sollen, muss eine Struktur bestehen. Sie sollen das Gefühl haben, ihr Tun wird angenommen, ist Teil eines größeren Ganzen. Wenn diese Annahme fehlt, dann sind sie ganz schnell wieder weg. Sie fühlen sich nicht wohl, ihnen fehlt der Kontakt zur Gemeinde, keiner kümmert sich um sie.

Ihnen den Schlüssel zum Gemeindehaus auszuhändigen, das reicht nicht, meinen Sie.

Genau! Ältere Menschen, die sich für eine Mitarbeit entscheiden, haben in der Regel eine Orientierungsphase durchlaufen. Sie suchen, schließen sich mit anderen zusammen, tun etwas für sich selbst. Und dann machen sie mit anderen etwas für andere. Mit ihnen gehe ich um wie mit Hauptamtlichen: Wir führen regelmäßige Gespräche, gucken, was gefällt, was nicht. Die Ehrenamtlichen heute, die eines anfangen und das bis zum Tod fortführen, die gibt es nicht mehr. Entweder wir antizipieren das oder wir müssen damit rechnen, dass sie ihre Mitarbeit „kündigen". Übrigens: Kirchengemeinden sind dann bereit, etwas zu tun, wenn alte Angebote wegbrechen. Aber einfach jemanden, „der Ahnung hat", zur Fortführung des Seniorenkreises zu überreden - „Dann läuft es doch von selbst!" - ist problematisch. Es läuft eben nicht. Da gilt es zu überlegen: Was wollen und können wir investieren?

Wie ginge es denn besser?

Wir müssen die Mitarbeit neu aufbauen. Es muss immer darum gehen, dass Hauptamtliche Ehrenamtliche befähigen, ihre Aufgabe selbst in die Hand zu nehmen. Gerade ältere Menschen können das, die haben Lebenserfahrung, ungeahnte Kompetenzen, die müssen nur erschlossen werden.

Aber es geht doch sicher auch um finanzielle Mittel.

Die finanzielle Ausstattung unserer Arbeit in Kassel ist unzureichend. Ältere bilden eine große Gruppe, und hier wird am wenigsten investiert. Früher brauchte man vielleicht nur ein bisschen Kaffee und Kuchen und ab und zu einen Referenten. Wenn wir heute kompetente Menschen zur Mitarbeit gewinnen wollen, müssen wir Geld in die Hand nehmen für Fortbildung, Weiterbildung, für Material. Hinzu kommt: Alte Menschen sind in ihren „Quartieren" anzutreffen. Die Angebote müssen haus-, stadtteil-, gemeindebezogen sein. Gemeindezusammenlegungen aus Kostengründen behindern die Altenarbeit. Das ist kontraproduktiv.

Sie haben in Kassel neue Angebote initiiert?

Ja, zum Beispiel die „Grips"-Kurse, durch die Menschen befähigt werden, im Alter länger selbständig zu bleiben. Es ist überaus erstaunlich, wie die alten Menschen diese Angebote, die es bisher noch nicht gab, annehmen und positiv bewerten. Die „jungen Alten", die Gruppen leiten, erzählen von neuen Freundschaften, berichten, dass sie viel für ihr eigenes Älterwerden lernen. Ihr Engagement war ursprünglich auf ein Jahr begrenzt. Sie machen weiter. Das ist einfach eine schöne Sache. Vom Zögern der kirchenleitenden Gremien bin ich dagegen enttäuscht. Es gibt hier und da vollmundige Lippenbekenntnisse, auch Beschlüsse, die oft halbherzig umgesetzt werden. Über alle Ebenen hinweg heißt es: Wir wollen, wir müssen etwas tun. Ich frage mich: Wo wird das denn sichtbar?

Wie kann ein gutes Angebot der Kirchengemeinde für ältere und alte Menschen unter den heutigen Bedingungen aussehen?

Am Anfang stehen die Menschen, die sich zusammenfinden, die etwas tun wollen, ihre Ideen umsetzen möchten. Wenn Gemeinden sich darauf ernsthaft einlassen und begreifen, dass da etwas ganz Wichtiges passiert, dann können Angebote entstehen, wo die, die es offerieren, und die, für die das getan wird, in eine Win-Win-Situation kommen. Und was die Themen angeht: Schwerpunkte liegen heute sicher im Bereich Kommunikation: Wege zu eröffnen, die manchen sonst verschlossen bleiben - in technischer Hinsicht oder im Sinne von Medienkompetenz. Zudem ist all das wichtig, was dazu beiträgt, die Selbständigkeit im Alter zu erhöhen. Bedenken Sie die Pflegesituation. Haben wir genügend Plätze? Oder müssen wir nicht anders herangehen und fragen: Wie können wir die Situation der alten Menschen gestalten, damit sie so lange wie möglich selbstbestimmt in ihrer Umgebung leben können? Hier könnten Gemeinden gut einsteigen.

Wie kann man Gemeinden helfen, ihre Arbeit auf eine andere Basis zu stellen?

Das Beratungsangebot muss ausgebaut werden. Wir brauchen keine Überprofessionalisierung, aber wir brauchen hauptamtliche Mitarbeiter, die mit den Gemeinden Projekte durchführen. Wir benötigen alle Erfahrung, also nicht nur Lernen über den Kopf, sondern Menschen, die das einbringen, was sie selbst erlebt haben. Das setzt ungeahnte Kräfte frei. Ich denke, es müsste in jedem Kirchenkreis einen Ansprechpartner geben, der nicht nur von oben nach unten berät, sondern punktuell Projekte initiiert, die von anderen übernommen werden könnten. Und was sicherlich auch geändert werden müsste, ist die Finanzzuweisung. Ich habe den Eindruck, dass die Arbeit mit älteren Menschen unterfinanziert ist.

Gibt es andere Möglichkeiten der Finanzierung, „quartierbezogene"?

Unsere Erfahrung zeigt: Man kann in einem Trägerverbund mit gut überlegten und kommunizierten Projekten und mit intelligenten Finanzierungsplänen auch an Drittmittel, zum Beispiel von Stiftungen, herankommen. Im Quartier selbst sind oft Geschäftsleute, die mit älteren Menschen zu tun haben - Ärzte, Optiker zum Beispiel - sofort dabei und finanzieren mit. Das sollte öffentlichkeitswirksam publiziert werden, auch mit den Namen der Sponsoren, die davon profitieren und damit wiederum andere zum Mittun anregen.

Was halten Sie von generationsübergreifenden Ansätzen? Zum einen haben noch nie so viele Generationen parallel gelebt, zum anderen weiß man heute: Jeder altert anders.

Wenn ich generationsübergreifend sage, dann denke ich nicht von der Kindheit bis zur fünften lebenden Generation, sondern innerhalb der letzten drei, die so etwas wie einen neuen Generationenvertrag schließen können. Der große gesellschaftliche Generationenvertrag ist längst aufgekündigt. Betrachten Sie die umlagefinanzierte Krankenversicherung oder die Rentenversicherung. Generationsübergreifendes Arbeiten braucht gemeinsame Ziele und Interessen. Die mittlere Generation wird immer schmaler, hat immer mehr Aufgaben zu bewältigen - und die noch einbinden in die Gemeindearbeit? Die Zahl der Jugendlichen ist insgesamt zurückgegangen, ihre Schulzeit verkürzt, das Stoffvolumen erhöht worden, die Freizeit wertvoller denn je. Diejenigen, die noch mitarbeiten, sind heftig umworben. Ja, wir haben ganz viele Generationen, wir altern unterschiedlich. Aber ob wir das noch in gemeindlicher Arbeit auffangen können, erscheint fraglich und wird heftig diskutiert. Es gibt hier noch keinen Königsweg.

Wie gewinnt und unterstützt man freiwillig Mitarbeitende?

Ich wünsche mir, dass Ehrenamtliche in unseren Gemeinden anders eingebunden werden. Nicht als Helfer, die nachgeordnete Dinge tun. Ich möchte ihnen Entscheidungs- und Informationsmöglichkeiten geben. In jedem Kirchenvorstand sollte es einen Ehrenamtlichenbeauftragten geben, jemand, der sich ausschließlich den ehrenamtlich Mitarbeitenden widmet, regelmäßig Kontakt zu ihnen hält, sich kümmert. Er weiß, was in der Gemeinde anliegt, er könnte sein Wissen bündeln und weiterleiten. Und dann wäre es möglich, irgendwo auf einer mittleren Ebene zeitnah zu reagieren. Das wäre für mich ein perfektes Zusammenspiel, das ehrenamtliche Arbeit erheblich erleichtern würde. Fragen: Cornelia Barth"

(Aus: blick in die kirche, Ausgabe 6/2011, Seiten 10/11)

 

Kommentare 

 
+1 #1 Hannelore Abbenhaus 2011-10-18 09:52
Lieber Mario,
in Deinem Interview wird sehr deutlich, das es nicht genügt ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen, sondern die Fortbildung und vor allem Einbeziehung in die Gruppe der Hauptamtlichen ist ein wichtiger Punkt, sonst geht das Gefühl der Dazugehörigkeit verloren und die Motivation versickert.
Das Konzept ist nur umsetzbar, wenn die kirchlichen Gremien nicht nur den Willen haben, es aber finanziell nicht umsetzbar ist, dadurch vermitteln sie nur ein Gefühl der Halbherzigkeit.
Bei uns in Buxtehude wurde von der St. Paulus Kirche die „Paulz-Stiftung“ ins Leben gerufen, eine sehr erfolgreiche Aktion, durch die viele Projekte in der Kinder- Jugend- und Seniorenarbeit umgesetzt werden können.
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