Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Sucht im Alter

Alter und Sucht

Innerhalb von nur drei Tagen griff die ortsansässige Presse und ein Anzeigenblatt in drei umfangreichen Artikeln und einem Kommentar das Thema Alkoholsucht im Alter auf. Die Tagespresse setzte einen Artikel und einen Kommentar sogar auf die Titelseite.

Zur Erinnerung: Vor zwei Jahren hat das Anzeigenblatt das Thema schon einmal unter dem Titel "Oma im Koma" behandelt. Mit den in dem reißerischen Artikel zitierten Ärzten habe ich seinerzeit direkt Kontakt aufgenommen. Beide distanzierten sich von Form und Ihnhalt des Artikels. Beide wurden seinerzeit telefonisch kontaktiert, klassische Interviews mit anschließender Textvorlage, Textüberprüfung und Textfreigabe durch die Ärzte hat es nicht gegeben. Im aktuellen Berichtsfall habe ich mit den Ärzten nicht gesprochen.

Einige Anmerkungen zu Form und Inhalt der aktuellen Berichterstattung: Die Begriffe "Ältere, Alte und Senioren" werden in der Berichterstattung synonym benutzt, auf eine altermäßige Differenzierung wird verzichtet. Durch eine Grafik in einem der Artikel in der Tagespresse werden Altersgruppen in Fünf-Jahres-Schritten vorgenommen - bis zum 50 Lebensjahr, danach werden alle Zahlen zusammengefasst. Folgt man dieser Darstellung inhaltlich, dann sind ALLE Menschen über 50 ALTE, ÄLTERE und SENIOREN und bilden mit 41,2 Prozent die größte Gruppe der ambulent wegen Alkoholabhängigkeit behandelten Menschen.

Ich halte eine solche Alterszusammenstellung für äußerst problematisch, weil sie die Wirklichkeit verzerrt darstellt. Würde man die Alterseinteilung in Fünfjahresschritten fortsetzen ergäbe sich vermutlich  (oder sogar wahrscheinlich) ein völlig anderes Bild.

Zumindest deuten die vom Hessischen statistischem Landesamt ermittelten Zahlen von den in den Krankenhäusern  wegen akutem Alkoholrausch stationär behandelten Personen (unterschieden nach in der Stadt Kassel bzw. im Landkreis wohnend) darauf hin. Hier sind es nämlich zum einen die 15 bis 30 jährigen und zum anderen die 45 bis 60 jährigen, die zahlenmäßig auffälig sind. (hier geht es zur Statistik)

Diese Zahlen stellen im Übrigen keine Momentaufnahme dar, sie beziehen sich auf den  Zeitraum von 2000 bis 2010 und sind in der Tendenz beständig. Aus diesem Zahlen lässt sich kein Anstieg von Alkoholpatienten im Alter ableiten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will hier nicht die Zahlen von akuten stationären Behandlungsfällen direkt mit dem Zahlen von ambulant behandelten Alkoholabhängigen Menschen vergleichen um die veröffentlichten Zahlen anzuzweifeln. Aber ich wehre mich gegen unklare Begrifflichkeiten und Definitionen und gegen willkürliche Statistiken, deren Aufbau und Zusammenstellung keinen objektiven Erkenntniswert haben sondern m. E. lediglich einer tendenziellen Berichterstattung dienen.

Obwohl der "demografische Wandel" seit Jahrzehnten vorhersehbar war, liegen bis heute keine verlässlichen und belastbaren Daten zur möglichen  Problematik von Sucht im Alter vor.

Weder zur Alkoholsucht noch zur Spielsucht im Alter (um nur zwei zu nennen) können die statistischen Landesämter oder das Statistische Bundesamt Material anbieten, so das Ergebnis meiner zweitägigen Recherchen per Internet, Mail und telefonischen Gesprächen mit Sachbearbeitern und Abteilungsleitern der genannten Behörden.

So gesehen gewinnen die Erfahrungen, Eindrücke und Momentaufnahmen aus der Praxis von Beratungsstellen, Krankenhäusern und anderen Kontaktstellen schon an Bedeutung. Bedeutung im Sinne von Frühwarnsystemen, die auf die Notwendigkeit von systematischen Untersuchungen, Aus- und Bewertung der Ergebnisse und der Formulierung möglicher Konsequenzen hindeuten.

Für einen so gewaltigen Kommentar auf der Titelseite einer Tageszeitung halte ich hingegen die bisher gemachten Beobachtungen und Eindrücke für nicht ausreichend.

Mario Wiegel, 18. Mai 2012

 

Nikotin und Alkohol senken die Lebenserwartung

Es ist ja eigentlich nicht neu, was dänische und deutsche Forscher uns mitteilen. Neu ist lediglich ein Ländervergleich. Weltweit stieg in den letzten Jahrzehnten die Lebenserwartung und die Skandinavischen Länder galten als beispielhaft für die Veränderung. Das galt auch für Dänemark, dessen Bewohner kontinuierlich ein höheres Lebensalter erwartete. Doch im Gegensatz zu Schweden, wo sich die Lebenserwartung weiterhin verlängerte, brach dieser Trend in der 80er Jahren in Dänemark geradezu zusammen. Zunächst stagnierte die Lebenserwartung (bei Frauen bei 76,6 Jahren) dann ging sie sogar leicht zurück. Später stieg die Zahl zwar wieder, aber wesentlich langsamer und auf niedrigerem Niveau im Vergleich zum Nachbarn Schweden. Das ist besonders auffällig, da beide Länder eine große geografische, historische, kulturelle und politische Nähe zueinander haben.

 

Alkohol im Alter?

Kommentar zum Artikel des "EXTRA-TIP" mit dem Titel "Oma im Koma"

Es ist schon eine Frechheit, wie manche "Journalisten" Stimmungsmache betreiben. Der Artikel beginnt dann mit dem Satz: "Komatrinken ist nicht nur ein Problem unter Jugendlichen."

Hätte sich doch der Autor dieses Artikels nur ein wenig informiert, bevor er diesen Unsinn fabriziert hat. Dann hätte er nämlich gewusst, dass es die Flatrate (einmal bezahlen und dann trinken solange man will/kann) nur in Diskotheken und ähnlichen, auf jugendliche Besucher ausgerichtete Lokalitäten gibt.

Und da geht die im Titel genannte "Oma" doch nun wirklich nicht hin.

Weiterhin wäre er dann vielleicht auch über den Widerspruch seiner eigenen Ausführungen gestolpert: Einerseits beschreibt er richtig den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen in der Gruppe und damit ein Hauptmerkmal des Komatrinkens und andererseits, dass "ältere Semester weniger in Gesellschaft zur Flasche greifen".

Von Wesen und Inhalt der unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen unter denen jüngere und ältere Menschen leben, hat der Autor wohl nur sehr wenig begriffen, als er beide Altersgruppen in einen Topf warf und sie mit einigen Schlagworten wie  Altersdepressionen, demografischer Wandel, Selbstmordrisiko, Vereinsamung etc. würzte.

Ist dieser Artikel nun ein Beispiel von Altersdiskriminierung oder einfach nur der Beleg für eine schlampige Arbeit?

Obwohl es zur Zeit weder systematische Erhebungen noch wissenschaftliche Studien zum Alkohlmissbrauch im Alter gibt, verdienen die in dem Artikel genannten und von den Ärzten telefonisch bestätigten Zahlen einen aufmerksamen Umgang und genauere Untersuchungen - aber mit Sicherheit keinen marktschreierischen Artikel mit oberflächlichem Inhalt und diskriminierendem Titel.

Mario Wiegel


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