Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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Wahlfamilie

Lieber Mario,

in Bielefeld gibt es einige bundesweit ausgelobte Projekte, sicher kennst du das Bielefelder Modell. Aber all diese Häuser wurden von den großen hier ansässigen Wohnungsbauunternehmen erstellt, die sich auf die Zielgruppe der älter werdenden Bevölkerung eingeschossen haben. Dass geschah gleichzeitig, als sich die kleine private Gruppe "Wahlfamilie" zu einem Verein zusammenschloss und dachte, dass kriegen wir mal eben so hin, auch ohne die. Derweil ja so wunderschöne Vorstellungen da waren, von einem schönen Haus, schön gelegen, schön gebaut, wahrscheinlich dachten wir auch, üppiges Grün würde von allein nur so sprießen und alle hätten sich lieb.
In den langen Jahren der Vorbereitung, der Suche und Zerschlagung einiger Bauvorhaben, dem steten Wechsel innerhalb des Vereins, der wachsenden Ungeduld fanden wir eine  Baugesellschaft, die sich auf die Idee einließ, uns Mitspracherecht beim Bau einräumte, das während der Bauphase ein wenig zurückgeschraubt wurde, aber immerhin. Die Lage ist gut,  sehr im Grünen, mit Auenpark und Biotopen, von der Uni 500 m entfernt, Stadtbahnanbindung- ja, dass ist gut.


Als es soweit war- das heißt, als die Mietverträge vorlagen, sprangen etliche ab, ich denke, es erfasste sie schlichtweg große Furcht. Es ist schon etwas anderes, mit Menschen, die du zwar recht gut kennst, hin und wieder besuchst, plötzlich im selben sozialen Umfeld zu leben. Da wird erst einmal alles anders. Da wird man sich erst fremd, bis der Prozess einer neuen Annäherung beginnt.
Wir haben einen großen Gemeinschaftsraum mit integrierter Küche, hier finden Lesungen, Kurzseminare, Kochen der Männer und ähnliches statt. Da die einzelnen Wohnungen zumeist kleiner sind als die bisherigen, ist dies ein Raum auch für Familienfeste.  Ein Gästeapartment haben wir auch und zwischendurch wird es vermietet, um einige Kosten wieder rein zu bekommen. All das habe ich bewusst in meinen Krimis verankert, um so unter anderem diese Idee bekannter zu machen. Denn- miteinander älter werden, sich unterstützen, wo es machbar ist, einander zuhören, hat schon was. Nur muss es neu erlernt werden, weil man auf Eigenarten der anderen und der eigenen stößt, die man vorher so nicht kannte. Leider haben wir 2006 mit dem Mitgliedern der Wahlfamilie durch das Abspringen „unser“ Haus nicht voll belegen können, es gab keinen Aufschub mehr, so nahm der Bauherr einen anderen Verein mit herein, der  ein Pflegeverein ist und zusieht, dass er genügend Pflegebedürftige bekommt, damit es sich rechnet. Daher wird ein Teil der Wohnungen mit kranken jungen und älteren Menschen belegt, die sich nicht kennen, nur froh sind, ein Zimmer zu haben. Das war so nie gedacht. Das war nicht unser Thema. Und es ist gewöhnungsbedürftig.


Unser Haus hat 15 Wohnungen, davon sind sechs von den Mitgliedern der Wahlfamilie gemietet, eine große Wohnung ist der Gemeinschaftsraum und das Gästeapartment geworden.

Eine gute Hausgemeinschaft kann man nicht fordern, sie muss kommen, sich ergeben und da muss die Chemie stimmen. Also sind wir am üben. Ich halte mich ziemlich  raus, weil ich arbeiten muss und für Pillefitt keine Zeit habe. So haben mein Mann und ich uns im 2. Stock eine "Insel" geschaffen, zwei Wohnungen zusammengelegt, alle Wände sind raus. So ist von Süd und Nordwest hier sehr viel Licht und Raum.


Viele Initiativen haben ähnliche Umsetzungsprobleme. Wahrscheinlich wird es in einigen Jahren eine Selbstverständlichkeit sein, so zu leben, so die frühere Großfamilie neu aufleben zu lassen.

Vielleicht.

Liebe Grüße

Monika Detering

Homepage: http://www.monika-detering.de

weitere Informationen zu diesem Projekt: http://www.endlich-alt.de/pro_wahlfamilie.htm


Ein weiteres Beispiel für alternatives Wohnen: http://www.dieherbstzeitlosen-wg50plus.de/