Mario Wiegel

...Älterwerden dürfen

 
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In eigener Sache


Dieser Beitrag nimmt Bezug auf einen Artikel in der Kasseler Tageszeitung (Hessisch Niedersächsische Allgemeine, HNA) vom 23. März d.J. Sie finden den Artikel hier.

 

In den letzten Tagen wurde ich vielfach angefragt, was ich mit dem Begriff der „sozialen Verwahrlosung“ meine. Ich meine damit das „raus Sein“ aus sozialen Beziehungen und Netzwerken, die bis zu einem Zeitpunkt „X“ das Leben bestimmten. Es kann einzelne oder auch Gruppen betreffen. Meines Wissens wurde eine solche Situation erstmalig von einem Autorenteam um Marie Jahoda im Jahr 1933 beschrieben. Unter dem Titel „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul; Zeisel, Hans: „Die Arbeitslosen von Marienthal“, edition suhrkamp, 1975) wurden die Ergebnisse einer Untersuchung veröffentlicht, die die Autoren 120 Tage lang vor Ort durchgeführt haben.

Marienthal ist ein kleiner Ort südöstlich von Wien. Eine im Jahr 1830 gegründete Flachsspinnerei entwickelte sich zu einer der größten Textilfabriken Österreichs mit bis zu 1200 Arbeitern. Allein in Marienthal ernährte sie 478 Familien. Durch die Schließung der Fabrik im Frühjahr 1929 wurde praktisch der ganze Ort arbeitslos.

Durch die Arbeitslosigkeit veränderte sich ein ganzer Ort. „Das Nichtstun beherrscht den Tag“, Lebensäußerungen schrumpften bis hin zur Gleichgültigkeit und Resignation. Diese gesamte Lebenssituation übertrug sich auch auf die Kinder, die keine „klassischen Traumberufe äußerten“ wie man sie von Kindern kennt, sondern es als das höchste Glück ansahen Fabrikarbeiter werden zu dürfen. Tagesabläufe wurden nur noch durch die Mahlzeiten strukturiert, viele Menschen konnten nicht einmal beschreiben, wie sie die Stunden des Tages gefüllt hatten.

Die Situation wurde nach Ansicht der Autoren entscheidend davon geprägt, dass die Arbeitslosigkeit zahlenmäßig keine Ausnahme sondern der Normalfall war.

Diese Untersuchung ist ein „Klassiker“ der Soziologie und kann viele Hinweise und Denkanstöße zur heutigen Situation geben.

 

Ähnliche Phänomene werden heute oft unter dem Stichwort der „Sozialhilfempfänger in der dritten Generation“ beobachtet und diskutiert.

Materieller Notstand gepaart mit empfundener Sinn- und Perspektivlosigkeit in einem Umfeld, das keinerlei Anreize mehr bietet, weil die anderen Menschen es alle ähnlich erleben, können – wie am Beispiel von Marienthal beschrieben - zu schwerwiegenden Veränderungen von Ortschaften, Wohnquartieren und sogar ganzen Städten führen.

 

Heinz Bude stellt in seinem Buch „Die Ausgeschlossenen“ die Frage, „wer drinnen und wer draußen ist.“ Gehört man noch zu einer Gesellschaft oder lebt man am Rande. „Diese Menschen leiden darunter, dass ihnen Zugänge verwehrt werden, dass sie Missachtung erfahren und dass sie vom Gefühl der Unabänderlichkeit und Aussichtslosigkeit gelähmt sind.“ (Heinz Bude, „Die Ausgeschlossenen“, Carl Hauser Verlag, Regensburg 2008)

Eine gewisse Gefahr der Veränderung für ein Land, in dem die Zahl der nicht bzw. nicht mehr Erwerbstätigen heute schon mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmacht und ständig steigt, lässt sich mit Sicherheit nicht so ohne Weiteres von der Hand weisen.

 

Von derzeit etwa 80 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik Deutschlang sind schon heute mehr als 20 Millionen Menschen aus Altersgründen nicht mehr erwerbstätig. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ständig steigen.

Die derzeit geführten Diskussionen um Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen greifen zu kurz, sie erfassen meines Erachtens nur einen Teil der anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen und der daraus resultierenden Herausforderungen.